Erziehung nach Auschwitz
Zur Geschichte der St. Josefspflege gehört ein Verbrechen, das wir nicht verschweigen: 1944 wurden 39 Sinti- und Roma-Kinder von hier nach Auschwitz deportiert, nur vier überlebten. Aus dieser Verantwortung erwächst unser Bildungsauftrag. „Erziehung nach Auschwitz“ heißt für uns, aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zu lernen.
„Aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen.“
Was an diesem Ort geschah
Auf Grundlage des Heimerlasses von 1938 wurden Sinti- und Roma-Kinder aus Baden und Württemberg in die St. Josefspflege Mulfingen eingewiesen. Hier wurden sie zum Gegenstand sogenannter rassebiologischer Untersuchungen – pseudowissenschaftlicher Begutachtungen, die der nationalsozialistischen Verfolgung den Weg bereiteten. Die Kinder lebten in der Einrichtung, während über ihr Schicksal längst andernorts entschieden wurde.
Am 9. Mai 1944 wurden 39 dieser Kinder nach Auschwitz deportiert. Im August 1944 wurden 35 von ihnen ermordet. Nur vier überlebten. Diese nüchternen Zahlen stehen für ausgelöschte Kindheiten, zerstörte Familien und eine Schuld, die zur Geschichte dieses Hauses gehört. Wir benennen sie klar – als Voraussetzung dafür, dass aus Erinnerung Verantwortung werden kann.
Erinnern
Erinnern beginnt mit konkreter Spurensuche. Schülerinnen und Schüler gehen den Geschichten der damaligen Kinder in Mulfingen nach und besuchen den Gedenkort Auschwitz, an dem das Geschehene unfassbar greifbar wird. Wo es noch möglich war, ermöglichten Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen eine unmittelbare Teilhabe am erlittenen Leid.
Ein eindrückliches Beispiel ist der Besuch der Überlebenden Amalie Schaich im Jahr 1995, die in Mulfingen von ihren Erfahrungen berichtete. Solche Begegnungen verwandeln abstraktes Geschichtswissen in persönliche Verbundenheit – und übertragen den jungen Menschen die Aufgabe, die Erinnerung weiterzutragen, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr berichten können.
Gedenken
Das Gedenken hat in unserem Jahreslauf feste Orte. Am 9. Mai, dem Tag der Deportation der Mulfinger Kinder, und am 27. Januar, dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und dem Tag der Befreiung von Auschwitz, halten wir bewusst inne. Diese wiederkehrenden Tage geben dem Erinnern einen verlässlichen Rahmen.
Gedenken ist für uns kein Pflichttermin, sondern ein gemeinsamer Akt der Würdigung. Indem wir den ermordeten Kindern ihre Namen, ihre Geschichte und einen Ort in unserer Gegenwart zurückgeben, holen wir sie aus der Anonymität der Zahlen heraus und nehmen sie als Menschen ernst.
Mahnen – Bildung für Demokratie und Würde
Aus dem Erinnern und Gedenken erwächst der Auftrag zu mahnen. Die Geschichte dieses Hauses wird zum Lernort für Wertebildung, für die Auseinandersetzung mit Menschenrechten und für die Entwicklung einer kritischen, demokratischen Haltung. Junge Menschen sollen erkennen, wie Ausgrenzung beginnt, wohin sie führen kann – und welche Verantwortung jeder Einzelne für ein menschliches Miteinander trägt.
Im Zentrum steht eine Überzeugung, die unser ganzes pädagogisches Handeln durchdringt: „Jedes Kind, das gezeugt und geboren wird, will angenommen sein, sich entfalten und leben.“ Was den deportierten Kindern verweigert wurde, machen wir heute zum Maßstab unserer Arbeit. So wird aus der Aufarbeitung der Vergangenheit eine lebendige Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.