Gegen das Vergessen
Erziehung nach Auschwitz: Gedenken an die Sinti-Kinder von Mulfingen
Erinnern, verstehen, Verantwortung übernehmen, die St. Josefspflege Mulfingen und das Gedenken an die Sinti-Kinder.
Erinnern, verstehen, Verantwortung übernehmen, die St. Josefspflege Mulfingen und das Gedenken an die Sinti-Kinder.
Der Name unseres Projekts geht auf den Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz" des Philosophen Theodor W. Adorno zurück. Adorno sieht in Auschwitz das Symbol für die Barbarei der modernen Gesellschaft und macht die Erziehung verantwortlich dafür, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.
Erziehung soll Menschen zur Selbstreflexion und zur kritischen Auseinandersetzung mit autoritären Strukturen befähigen, individuelle Autonomie fördern und Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit entgegentreten. Für die St. Josefspflege ist diese Verantwortung besonders persönlich: Aus unserer eigenen Geschichte erwächst die Verpflichtung zu erinnern und junge Menschen zu Haltung, Empathie und demokratischem Bewusstsein zu ermutigen.
Die St. Josefspflege fährt jedes Jahr an den Ort des Verbrechens, um zu erinnern, zu lernen und Verantwortung weiterzugeben.
Die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse der Bischof-von-Lipp-Schule (Gemeinschaftsschule) bereiten sich im Unterricht vor und besuchen gemeinsam die Gedenkstätte.
Auch die 8. Klasse des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ) der Bischof-von-Lipp-Schule fährt jährlich nach Auschwitz-Birkenau.
Alle neuen Auszubildenden, Freiwilligen (FSJ/BFD), Studierenden sowie interessierte Mitarbeitende der Einrichtung nehmen an einer gemeinsamen Gedenkfahrt teil.
In der St. Josefspflege in Mulfingen lebten 39 Sinti-Kinder. Zwischen 1943 und 1944 wurden sie im Heim „rassenbiologischen" Untersuchungen unterworfen, unter der Leitung von Dr. Robert Ritter und seiner Mitarbeiterin Eva Justin. Diese pseudowissenschaftlichen „Forschungen" dienten dazu, die Kinder als „minderwertig" zu stigmatisieren und ihre Verfolgung zu legitimieren.
Trotz der Fürsorge der Schwestern und des stillen Widerstands der Erzieherinnen und Erzieher wurden die Kinder am 9. Mai 1944 von der Heimleitung an die SS übergeben und nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde das „Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau „liquidiert". Die meisten der Mulfinger Kinder wurden ermordet, zuvor waren einige von ihnen für medizinische „Experimente" missbraucht worden. Nur vier ältere Kinder überlebten: Amalie Schaich, Luise Würges, Rosa Georges und Andreas Reinhardt.
„Unser Bestreben war, die Kinder zu brauchbaren Menschen unserer Gesellschaft zu machen, während Dr. Ritter und Dr. Justin beweisen wollten, daß aus dem angeblich rassisch minderwertigen Menschenmaterial nichts Brauchbares zu machen sei. Wir Erzieher standen im stummen Protest gegen diese Maßnahmen."
Johanna Nägele, Lehrerin der St. Josefspflege, aus ihrer Vernehmung vom 5. April 1973Nach den Recherchen von Dr. Frank Reuter lässt sich der Weg der Kinder von Mulfingen bis nach Auschwitz-Birkenau nachzeichnen:
Fahrt mit dem Postbus, begleitet von der Lehrerin Johanna Nägele und der Ordensschwester Eutychia Herold sowie drei Gendarmen.
Auf einem Abstellgleis steht ein Waggon bereit; er wird an den fahrplanmäßigen Zug nach Crailsheim angehängt: Ankunft dort um 15:22 Uhr.
Nägele und Herold verabschieden sich von den Mulfinger Kindern. Drei Kinder aus den Heimen in Baindt und Hörbel steigen zu. Adolf Scheufele von der „Dienststelle für Zigeunerfragen" der Kripoleitstelle Stuttgart und die Esslinger Kriminalbeamtin Kienzle begleiten den Transport bis nach Auschwitz.
Nach gut 50 Stunden Fahrt treffen die Kinder im Vernichtungslager ein und werden dort registriert.
Bei der „Liquidierung" des „Zigeunerlagers" werden die im Lager verbliebenen Mulfinger Kinder gemeinsam mit über 2.800 weiteren Sinti und Roma in den Gaskammern ermordet.
Bei der „Selektion" in Auschwitz wurden nur vier ältere Kinder als Arbeitskräfte ausgewählt und überlebten, drei Mädchen und ein Junge:
Sie wurden in die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück verschleppt. Amalie Schaich, 1929 in Ravensburg geboren, musste in Ravensbrück Zwangsarbeit leisten und kam später in das KZ Bergen-Belsen, wo sie die Befreiung erlebte. Über das Erlittene schwieg sie lange; erst 1994 sprach sie erstmals öffentlich darüber und engagierte sich danach in der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma.
Zu den weiteren Lebenswegen und Sterbedaten der vier Überlebenden liegen uns keine gesicherten öffentlichen Angaben vor. Ergänzungen nehmen wir gerne auf.
Hinter den Zahlen stehen einzelne Menschen: Kinder mit Namen, Geschichten und einem Lächeln. Wir bewahren ihr Andenken.















Historische Aufnahmen. Bildnachweis u. a.: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg; Bus der Deutschen Reichspost: Wikimedia Commons (Creative-Commons-Lizenz).
Eine Gedenkfahrt wirkt nur, wenn sie gut vorbereitet, einfühlsam begleitet und sorgfältig nachbereitet wird. Unser Konzept verbindet historisches Wissen mit einem persönlichen, emotionalen Zugang und mündet in Haltung und Engagement.
Über mehrere Wochen erarbeiten die Jugendlichen die Geschichte des Nationalsozialismus mit besonderem Fokus auf die Verfolgung der Sinti und Roma, vom „Zigeuner-Ausweis" über den „Auschwitz-Erlass" Heinrich Himmlers bis zu Deportation und Vernichtung. Sie lernen Kultur, Sprache und Musik der Sinti kennen und setzen sich intensiv mit den 39 Kindern aus Mulfingen auseinander.
Persönliche Zugänge schaffen der Film „Auf Wiedersehen im Himmel" sowie Biografien Überlebender, etwa von Hugo Höllenreiner. In kreativen Projekten, Texte, Plakate, Musik, verarbeiten die Jugendlichen das Gelernte und entwickeln eigene Fragen.
Erfahrene Guides führen die Gruppe über das Gelände des Vernichtungslagers. Besucht werden das „Zigeunerfamilienlager" und die den Sinti und Roma gewidmeten Gedenkorte. Vor Ort werden die Geschichten der Mulfinger Kinder erzählt: so verbindet sich das historische Wissen mit dem realen Ort und seiner bedrückenden Wirkung.
In moderierten Gesprächsrunden teilen die Teilnehmenden ihre Eindrücke; pädagogische Fachkräfte helfen, das Erlebte zu verarbeiten. In schriftlichen und kreativen Formen, Tagebuch, Essay, Kunst, Musik, Theater, setzen sich die Jugendlichen weiter mit dem Geschehenen auseinander.
Ziel ist nachhaltiges Engagement: Empathie, Verantwortung und ein waches Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte, im Schulalltag wie im persönlichen Leben.
Der vollständige Film unserer Gedenkfahrt nach Auschwitz-Birkenau.












„Die katholische Kirche hat in nationalsozialistischer Zeit zu dem Völkermord an Roma weitgehend geschwiegen. Damit haben wir als katholische Kirche große Schuld auf uns geladen. […] Die Schuld ist nicht wieder gut zu machen."
Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, 2022Schulen, Gruppen und Interessierte, die mehr über unser Projekt „Erziehung nach Auschwitz" erfahren oder mit uns ins Gespräch kommen möchten, erreichen uns gerne.